Di 6. November 2018   C.     25° – 28° – 26°   bedeckt, nur ganz wenige Regentropfen

In meinen dreizehn Jahren als Lokführer in und um Zürich habe ich die meisten Jahre gratis ein 1. Klasse GA (Bahncard 100) bekommen. Ich habe das immer als vierzehnten Monatslohn betrachtet. (Musste auch als Einkommen versteuert werden) Wahrscheinlich gehörte ich auch zu denjenigen, die ihr Abo auch ziemlich am fleissigsten benutzt haben. Sei es um irgendwo in der Schweiz an einen OL zu gelangen oder halt einfach so schnell ins Bündnerland, das Tessin, das Wallis oder an den Genfersee. Mir ist von einigen bekannt, dass sie ihr Abo selbst nie oder nur sehr selten selber benutzt haben. Die Familienangehörigen (Partner + Kinder) konnten trotzdem von stark vergünstigten 2. Klasse GAs profitieren.

Als Beispiel konnte ich ca. im Jahre 2008 ganz spontan nach Scuol/Tarasp im Unterengadin fahren, um meinen Onkel F., der einige Zeit im dortigen Spital verbringen musste, zu besuchen. Der Fahrpreis in erster Klasse für Hin- und Rückfahrt würde sich so um die zweihundert Franken bewegen, ohne Vergünstigungen. Und das auch nur für eine Person. Nicht gerade geeignet für einen spontanen Ausflug.

Hierzulande gibt es keine Eisenbahn mehr, dafür ein breitgefächertes Busangebot, das auch in entlegene Gegenden aufrecherhalten wird. Busse gibt es in unterschiedlicher Qualität. Von den komfortableren und klimatisierten, vor allem auf den Langdistanzen Eingesetzten, bis zu den optisch bedenklich Aussehenden, aber natürlich günstigen Klapperdingern, wo ich mich auch schon gefragt habe, wie die überhaupt noch einsatzfähig sind.

In der Hauptstadt Asunción gibt es ein ziemlich dichtes Netz von Buslinien. Letzhin wurden die Fahrpreise erhöht. Von etwa fünfzig auf etwa sechzig Rappen. Die Preise sind Distanzunabhängig. Also spielt es keine Rolle, ob man die ganze Strecke abfährt, oder ob man nur drei Haltestellen mitfährt. Offizielle Bushaltestellen gibt es zwar, aber der Bus hält auch auf ein einfaches Handzeichen an. Innerstädtische Fahrpläne gibt es keine. Wenn der richtige Bus kommt, dann steigt man halt ein. Die Busse fahren meist Tag- und Nacht

Mo 5. November 2018 C. 25° – 34° – 28° schön, wenige ‚Schönwetterwolken‘

Beim Deutschkurs für Spanischsprechende(?!), bin ich gerade über folgenden Satz gestolpert : „Meine Freundin macht Internetseiten.“ „Mi novia hace sitios web.“

Sprung zurück ins Jahr 1999. Damals war ich im Kanton Appenzell Ausserhoden wohnhaft. Wegen der Arbeit natürlich. Meine zweite Phase bei der Post. (ab 1995 in Nussbaumen AG bis 2001 in Herisau AR. In jener Zeit verwandelte sich die PTT von einem echten Dienstleistungsbetrieb, in den Vorläufer der „die Post“ wie sie heute bekannt ist.) Mein Wohnort war in einem markant auf einer Krete und auf etwa 1000 MüM gelegenem, wunderschönen Dorf namens Schwellbrunn. In meinem ersten Winter dort (1998/1999) sind im Verlaufe jener Monate insgesamt fast fünf (!) Meter Schnee gefallen. (Auf dem nahen Säntis waren es cirka achteinhalb Meter.)

In jener Zeit habe ich mich darum bemüht mir irgendeine andere Tätigkeit innerhalb oder ausserhalb meiner Firma zu suchen. Unter anderem habe ich mich auf eine Postinterne Umschulung in die Informatikabteilung beworben. Insgesamt dreimal musste ich nach der Arbeit nach Zollikofen bei Bern düsen, um an den verschiedenen Auswahlprozeduren teilzunehmen. Nach der letzen Runde wurde ich ins kalte Wasser geworfen und direkt zum Abteilungleiter der Applikationsentwicklung geschickt. Natürlich bin ich bei den technischen Fragen kläglich gescheitert.

Aber das war die Motivation, dass ich im darauffolgenden Winter des Milleniumswechsels einen halbjährigen Kurs in Webdesign, Websitedevelopment besuchte. Sechs Monate, zweimal wöchentlich abends in Zürich-Altstetten. Dann hatte ich das Diplom als Webdesigner in den Händen.

Was hat es mir gebracht? Höchstens die Erkenntnis, dass nichts im Internet sicher vor den kommerziellen Interessen von ‚wasfürwelchen‘ Firmen auch immer ist.

So 4. November 2018   C.   22° – 30° – 26°   wechselnd bewölkt und trocken

Als ich begonnen habe dieses Tagebuch zu schreiben, hätte ich nie gedacht, dass es mir so leicht fällt, täglich einen mehr oder weniger kurzen Text zu verfassen. Dann soll er ja auch noch gelesen werden können. Ich bin mir natürlich bewusst, dass nicht alle Inhalte auf Gegenliebe stossen werden, aber das ist auch nicht meine Absicht. Falls ich die Intention hätte, möglichst grosse Reichweite zu erlangen, müsste ich meine Vorgehensweise total ändern.

Aber, da ich bin, wie ich bin, schreibe ich weiter wie gehabt. Und inzwischen bin ich mir auch sicher, dass es hier nur Texte geben wird. Allenfalls hie und da einen Web-Link. Das Influencer-Dasein überlasse ich andern. Ich lasse mich nicht prostituieren. Weder freiwillig, noch unter Zwang. Weil, lesen muss dies ja niemand.

Apropos Lesen: Seit meiner Ankunft, habe ich praktisch nichts in Buchform gelesen. Ich habe ja ein paar Bücher aus der Schweiz mitgebracht. Vor ein paar Stunden habe ich in meinen Sachen gewühlt, mir einen Reclam-Band gepackt und angefangen zu lesen.

‚Don Quijote de la Mancha’ von Miguel de Cervantes in Originalsprache auf Spanisch. Als ich dieses Büchlein vor etwa neun Monaten in einer Buchhandlung gekauft habe, hätte ich nicht gedacht, den Inhalt jemals verstehen zu können. Aber, ich verstehe zwar auch jetzt noch nicht jedes Wort, aber ich bin voll in die Erzählung eingetaucht. ‚Einmal Leseratte, immer Leseratte!’

https://de.wikipedia.org/wiki/Don_Quijote

Tja, jetzt muss ich meine Tage neu einteilen. Vierundzwanzig Stunden sind gegeben. Mehr gibt es leider nicht. Langweilig wird mir sicherlich nicht.

Sa 3. November 2018   C.   23° – 35° – 28°   schön, vorüberziehende Wolkenfelder

Die allabendlichen Proteste gegen den amtierenden Gouverneur, die seit bald drei Wochen stattfinden, haben gestern zum ersten Mal leicht Verletzte und geringe Sachschäden gefordert. Wahrscheinlich macht sich unter den Demonstrierenden langsam der Frust breit, dass der Gouverneur und seine Spezies fest ‚im Sattel sitzen.’ Sogar das nationale Parlament in der weit entfernten Haupstadt hat einen Aufruf an die Protestierenden erlassen. Sinngemäss: „Geht nach Hause. Ihr erreicht sowieso nichts!“ So funktioniert Demokratie.

Ein weites Feld, wo man sich schnell Feinde machen kann. Echte Diskussionen über Sach- oder Gesellschaftshemen sind in unseren schnellen digitalen Zeiten fast nicht mehr möglich. Und auch gar nicht erwünscht?

Passend dazu, ein Witz:

A: „Wie lange redet jetzt der Politiker schon?”

B: „Eine halbe Stunde.“

A: „Und worüber redet er?“

B: „Das sagt er nicht!“

Fr 2. November 2018 C. 23° – 33° – 29° sonnig, wenig vorüberziehende Wolken

Ein Thema, worüber ich noch gar kein Wort verloren habe, obwohl es sich durch den längsten Teil meines bisherigen Lebens zieht.

Gemäss meiner Statistik (!) habe ich zwischen 1981 und 2017 genau fünfhundertneunundsiebzig wettkampfmässige Orientierungsläufe absolviert. Miteinbezogen ist darin auch das Jahr 1997, wo ich kein einziges Mal meine OL-Schuhe schnürte. Dazu kommen noch unzählige Trainingsläufe und diverseste Lager und Weekends als Teilnehmer oder Helfer.

Ende Mai letzen Jahres habe ich meine Auswanderung beschlossen und am 25. Juni den letzten Wettkampf bestritten. Ich habe mir am Ziel jenes Wettkampfes gesagt: ‚So, dass war jetzt mein letzter OL‘. Und ich habe Wort gehalten. In den Wochen danach habe ich meine ganze OL-Ausrüstung entsorgt.

Habe ich Entzugserscheinungen? Nein, mit diesem Sport verbinden mich aber viele, viele schöne Erinnerungen. Begnungen mit interessanten Menschen, Landschaften und Wäldern. Im Regen, bei Schneefall oder auch in der grössten Hitze. Keine Erfahrung möchte ich missen. Das sportliche Highlight war die Teilnahme am WM-Selektionslauf 1985 in einem klassischen Jurawald. (Nein ich habe mich nicht qualifiziert. 😉 Die Konkurrenten damals hiessen Christian Aebersold, Urs Flühmann und so weiter)

OL in Paraguay? Eher unwahrscheinlich. Ein Kurzrecherche von mir hat ergeben, dass erst eine OL-Karte im Land existiert. Und zwar eine Sprintkarte, die im Rahmen der Park World Tour 2014 in Ciudad del Este (Grenzstadt an der brasilianischen Grenze) hergestellt wurde. Also es hat nach oben noch Potential.

Do 1. November 2018   C.     23° – 29° – 26°   morgendliches erfrischendes Gewitter, nacher aufgelockert

Mal ein Wort zu den deutschsprechenden Einwanderern. Von denen gibt es verhältnismässig viele hierzulande. Hauptsächlich im Grossraum Asunción, im Südosten (Villarica, Colonia Indepencia……) und natürlich im Chacho die Mennoniten.

Dementsprechend gibt es natürlich auch deutschsprachige Medien. Allgemein am aufschlussreichsten sind für mich immer die Kommentarspalten in Onlinemedien. Und was sich da so rumtreibt! Manchmal frage ich mich schon, warum kommen solch intolerante oder sonstwelche mit pfannenfertigen, unverückbaren und zum Teil abstrus klingenden Ansichten und Meinungen vertretenden Menschen auf den Gedanken, sich in solch einer von der europäischen Mentalität sehr stark unterscheidenden Kultur auf die Idee, die Menschen hier hätten ausgerechnet auf sie gewartet.

Kein Wunder findet auch hier eine Art Ghettobildung statt. Durchmischung gibt es kaum. Mein Eindruck ist, dass viele Emigranten ein ziemlich kolonialistisches und/oder missionaristisches Weltbild vor sich her tragen und meinen, dass die Bevölkerung dankbar sein sollte für all die guten Ideen aus der ‚ersten Welt‘. „Wir“ wissen eh besser wie es gemacht wird.

Dann stellt sich mir natürlich die Frage, warum seid ihr dann hierhergekommen? Ihr könntet euch ja in eurer ursprünglichen Heimat für eine bessere und sinnvollere Gesellschaft einsetzen, wenn „ihr“ es sowieso besser wisst!

Naja, Grossmäuler gibt es auf der ganzen Welt.

Mein Motto: „Liefere, statt lafere“

Di 31. Oktober 2018   C.   28° – 38° – 33°   schön, mit ein paar harmlosen Wölkchen

Jetzt um siebzehn Uhr Ortszeit messe ich auf meiner Terrasse 39° im Schatten. Und ich muss sagen, dass sich das mit der häufig vorhandenen Brise trotz allem sehr gut aushalten lässt. In etwa zwei Stunde geht die Sonne unter, was bedeutet, dass es bis nach Mitternacht wieder unter 30° abkühlt. Ich habe mir angewöhnt, nur das Schlafzimmer zu klimatisieren. Der Deckenventilator auf der Terrasse läuft auch erst abends bei Einbruch der Dämmerung. Wegen der Mücken und so. Diese Viecher hassen den starken Windsog. Ansonsten will ich mich der Aussentemperatur anzupassen. Freiwillig muss ich ja nicht an die Sonne.

Siebzehn Uhr ist auch die Zeit wo die Nachmittagsschicht der Primarschule endet. Einen ‚Block’ weiter befindet sich eine solche. Auch hier werden viele Kinder von den Eltern, Geschwistern oder Nachbarn abgeholt. Aber da es sich hier um eine öffentliche Schule handelt, wo „nur normale“ Kinder hingehen, sieht man praktisch keine Autos. Dafür werden dann die diversen motorbetriebenen Zweiräder vor der Schule aufgereiht und mit zwei oder drei Kindern ‚aufgefüllt‘. Einer fährt sogar immer mit seinem zweispännigen Pferdekarren vor.

Übrigens tragen die Kinder Schuluniform. Schuluniformpflicht gilt auch in den privaten Institutionen, von denen es immer mehr gibt. Vor jedem Beginn des Schulunterichts jeweils um sieben Uhr morgens und dreizehn Uhr nachmittags findet so eine Art Appell statt und dann wird manchmal auch gemeinsam dazu gesungen. Vom Direktor/der Direktorin (der/die Vorsingen müssen) bis zum Häfelischüler müssen alle Mitmachen.