Mi 28. November 2018   C.   22° – 25° – 22°   bedeckt, vormittags gewittrig

     „Aller Anfang ist schwer“

Es gibt noch einige solch tolle Sprüche. Was hat das jetzt mit mir zu tun? Wenn man dazu bereit ist, seinen Lebensmittelpunkt in ein komplett anderes Umfeld zu verlegen, dann muss man auch damit rechnen, dass nicht immer alles auf Anhieb rund läuft.

Das geringste ist noch das Klima. Ich habe mich schnell daran gewöhnt, die ganze Zeit in leichtem bis sehr leichtem Tenue zu sein. Trotzdem bin ich froh, auch einige Herbst- und Frühlingsklamotten eingepackt habe. Ich bin mitten im Winter (Juli) angekommen und habe ein paar frische Tage (10 – <20° Max. Temperatur) erleben dürfen.

Mit den Menschen habe ich bisher nur gute Erfahrungen gemacht. Wobei zu sagen ist, dass ich noch niemanden kennengelernt habe den ich als ‚Freund oder Freundin’ bezeichnen würde. Wenn man Interesse zeigt, dann wird man schnell zum ‚Familienmitglied‘. Man teilt sich bald einmal Essen, Trinken und Unterkunft. Auch wenn ich wahrscheinlich nie zufrieden mit meinem Spanisch sein werde, so versuche ich es doch häufig anzuwenden. Der ‚noch’ zu geringe Wortschatz hat schon zu einigen Lachern geführt.

Am meisten Mühe bereitet mir noch die Wohnsituation. Einmal gebaut, heisst halt nicht, dass etwas ewig so ist. Der Unterhalt wird meines Erachtens meist vernachlässigt. Letzhin habe ich meine jetzige Vermieterin gefragt, ob sie schon einmal etwas von Sysyphus gehört habe. (Das ist derjenige, der einen Fels auf den Berg bewegen soll. Kurz vor dem Gipfel rollt der Fels wieder ins Tal und das ‚Spiel’ beginnt von Neuem.)

Erwähnt habe ich das, weil die hiesigen Standardfenster, getönte Einfach-Schiebefenster sind. Und wenn es an die Scheibe regnet, dann drückt das Wasser halt einfach durch den Rahmen ins Haus hinein und fliesst auf den Fussboden. (Hier hat es häufig Gewitter, begleitet mit manchmal stärkerem Wind.)

Darum sieht man hier sehr häufig, – nach jedem Regen – Frauen mit Wischmop und Eimer hantieren. Das ist dass, was ich mit vermeidbarer Sysyphusarbeit meinte. Jeder Hauhalt hat hier auch Hausangestellte die jeden Tag nur fürs Bodenaufnehmen und Wischen zuständig sind. Ich habe keine Hausangestellten, dafür einen Staubsauger. „Selbst ist der Mann.“

Aber meine Vermieterin ist sehr hilfsbereit und ich bin mir inzwischen auch ziemlich sicher, dass wird bald eine für mich akzeptable Lösung erreicht haben werden. Inklusive einer Dachrenovation.

Mein Grundsatz ist immer noch der Gleiche: Ich zwinge niemanden meinen Lebenstil auf, im Sinne von: „Du musst“, oder „du sollst“. Aber für mich persönlich muss es stimmen. Ansonsten versuche ich mich den hiesigen Gepflogenheiten anzupassen.

Für die Skeptiker oder Zweifler sei gesagt, dass ich nicht so schnell die Flinte ins Korn werfe.

Mo 26. November 2018   C.     22° – 34° – 29° schön, mit Quellwoken

Im Jahre 2006 waren wir im Sommer an der Swiss O-Week in Zermatt. Ein Anlass der einigen Teilnehmern als Highlight in ihrer OL-Geschichte eingehen wird. Wetter, Panoramen und Organisation einwandfrei. Wir (meine eigene Familie plus meine Mutter. 2004 war ihr Ehemann (mein Vater) verstorben und 2005 einer der Söhne (mein Bruder)) hatten im von der OLG Cordoba angemieteten grossen Ferienhaus eine Wohnung mieten können.

Das sich diese in der obersten Etage des mehrstöckigen Hauses befand, hat sich nicht nur als Vorteil herausgestellt. Weil, an der ersten Etappe auf dem Gornergrat kurz vor meinem ersten Posten, habe ich mir den Fuss übertreten. „Naja,“ habe ich mir gedacht. „Jetzt läufst du halt mit reduziertem Tempo fertig“. Aber der Schmerz wurde immer grösser, so dass ich den Lauf abbbrechen musste. Ich bin nacher sogar noch zu Fuss nach Zermatt hinuntergelaufen. Am Schluss konnte ich mich vor Schmerzen kaum noch auf den Beinen halten, so dass ich noch gleichentags einen Arzt aufsuchen musste.

Diagnose nach dem Röntgen: Bruch eines Knochens im Fuss. Resultat: Fuss tagsüber immer mit Schiene und zwei Monate laufen an der Krücke. Eine gutes hatte dieses Mischgeschick doch noch. Ich gewann den Pechvogelpreis und somit ein verlängertes Wochenende in Grächen VS für vier Personen, welches wir dann in den nachfolgenden Herbstferien bezogen.

Nachtrag: Einen anderen Effekt auf meinen Lebenstil hatte dieser ‚NBU’ auch noch. Am Ende dieser zwei Monate ohne nennenswerte Bewegung hatte ich mein persönliches Maximalgewicht erreicht. 89 Kilogramm. Ab dann habe ich begonnen mich intensiv zu bewegen. In meinem Fall heisst das, das ich in den folgenden Jahren praktisch alle Arbeitswege, zu jeder Tageszeit und bei jedem Wetter mit dem Fahrrad zurücklegte. Häufig auch mit Umwegen. Täglich zwischen zehn und hundert Kilometern, bevorzugt in hügeligem Gelände. Seit einigen Jahren hat sich mein Normalgewicht um die siebzig Kilogramm eingependelt. Und es ist nicht so, dass ich ein Kostverächter oder Abstinenzler bin. Es ist halt alles nur eine Frage des Wie viel und des Wie oft.

So 25. November C. 23° – 31° – 27° schön, mit Schönwetterwolken

Wenn ich mir die Reisewarnungen von verschiedenen Regierungen anschaue, dann wohne ich einer einer Gegend wo es von Drogenbanden und Guerillaorganisationen nur so wimmelt. OK, ich wohne natürlich in einer relativ gemütlichen Stadt und da ist die Wahrscheinlichkeit sich auf dem Trottoir das Bein zu brechen x-mal grösser, als von irgendeiner Untergrundbande gekidnappt zu werden. Die Gefährdung besteht, aber in erster Linie sind davon die Besitzer der zum Teil riesigen Farmen (Rinderzucht, Soja, Zuckerrohr, Mais usw.) betroffen. Das heisst die Besitzer nicht direkt, weil das sind meist irgendwelche „Investoren“ in Brasilien, der USA oder in Europa.

Leidend unter den verschiedenen (Geld-)Interessen sind meist die ortsansässigen Pächter oder gar die ‚kleinen’ Angestellten. Ja, das Thema Waldrodungen für Tierzucht oder irgendwelche enorm riesigen Monokulturen ist auch hier ein wichtiger Brennpunkt. Klein- oder Familienbauern haben wie überall das Nachsehen.

https://bit.ly/2P9gjby

Mit diesen Themen hoffe ich mich zukünftig direkt vor Ort näher zu beschäftigen. Vorläufig ist mein Bewegungsradius mangels motorisiertem fahrbarem Untersatz noch auf dieses ‚Städtchen’ beschränkt.

Zu diesem Thema passt, dass der Staatspräsident, der am Samstag wieder einmal in der Gegend war, eine Hazienda eines vor kurzer Zeit ermordeten (brasilianischen) Drogenbosses kurzerhand beschlagnahmte und diese in eine Art Polizei- und Armeekaserne umnutzen will. (Ganz am Rande sei bemerkt, dass erwähnter Staatspräsident letzte Woche noch bei einer Privataudienz beim Papst in Rom war.)

Sa 24. November 2018   C.   22° – 29° – 25°   schön, vorüberziehende Wolken

In meiner Nachbarschaft sind irgendwo zwei Nachbarn, die liefern sich manchmal ein Duell, wer die bessere oder lautere Musikanlage hat. Dabei geht es nicht nur mit vielen Dezibeln zu und her, sondern es treffen auch zwei (Musik-) Welten aufeinander. Einerseits die Traditionellere, mit spanischsprachigen Herzschmerz- und Heimatliedern, andererseits der vermeintlich modernere Mensch, der mit Rolling Stones, Modern Talking(!!) oder sonstigen „uralt“ Discogassenfegern gegenhält. Na ja, Lautstärke alleine ist noch kein überzeugendes Argument!

Apropos Disco. Meine Unterkunft steht an einer Kreuzung. Und an jeder andern der drei Ecken steht eine „Disco“. Eigentlich ist nur ein Etablissement wert, so genannt zu werden. In Betrieb ist jener Nachtclub jeweils nur in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Bei den beiden anderen Betrieben handelt es sich um grosse Räume, die entweder die meiste Zeit leer stehen oder unter der Woche verschiedenen Sportvereinen als ‚Trainingshalle’ dienen. Bei bevorstehenden Abendanlässen finden jeweils stundenlange Vorbereitungen inklusive auwändiger Dekorationsbemühungen statt. Erst recht bei Kindergeburtstagen und so. Heute in rosarot. Vermutlich ein Mädchengeburtstag. 😉

Ergo. Letzten Samstagabend waren alle drei mit Musikveranstaltungen ausgebucht. Und da es eine sehr, sehr laue Nacht war (30° um Mitternacht), wurden alle Türen und Fenster geöffnet. Das musikalische Tobouwahobou war gewaltig. Dresscode konnte ich keinen feststellen. Zwischen Paaren in Smoking und eleganter Abendrobe, sah man immer wieder die obligaten kurzbehosten, in T-Shirt und Flip-Flop gewandeten Männer und Frauen.

Die Beschreibung der denkwürdigen Szenen die sich morgens nach sechs Uhr (Ja, Tagwache für mich) abspielen, erspare ich mir. Szenen, die sich wahrscheinlich weltweit jedes Wochenende irgendwo ähnlich abspielen. (Alkohol, Drogen usw. sind auch hier keine ‚Fremdwörter’…..)

Another fact: Paraguay ist, – je nach Quelle – der weltweit grösste Produzent von Marihuana. Der Drogenbandenkrieg, der vor allem von brasilianischen Gangs geführt wird, soll brutal sein. Solange sie sich gegenseitig selber lynchen und massakrieren, solls mir egal sein. Jetzt könnte ich wieder mit der Korruption anfangen zu nerven, aber ich lass das mal lieber sein…..

Do 22. November 2018   C.     23° – 35° – 29°   wechselnd bewölkt

Was immer wieder ins Auge sticht, sind die vielen jungen Menschen. Abends in der „Beiz“ wird gescherzt, gequatscht und geflirtet was das Zeug hält, wie überall. Fröhliche Teenager halt. Es wird jede Gelegenheit genutzt, um einige Stunden der heimischen Familie zu entfliehen. Weil trotz allem die Familie dominant ist. Dass alle Generationen unter einem Dach wohnen, ist der Normalfall. Die Kindheit/Jugend ist halt nur von kurzer Dauer, da spätestens mit Anfang zwanzig eigene Kinder erwartet werden.

Da ist er wieder: Der Widerspruch zwischen Tradition und modernem Leben. Und hier auszubrechen, ist hierzulande noch viel undenkbarer, als anderswo. Das (Haupt-) Stadt – Landgefälle ist sehr, sehr ausgeprägt.

Mal was persönliches: Zum Glück bin ich schon „alt“. Also relativ gemeint, natürlich. Und natürlich schaue ich gerne den jungen Leuten (Frauen) nach. Ich bin auch nur ein männliches Wesen. Schliesslich ist es hier meistens warm oder heiss und Sommerlook tragen ist der Normalfall…. Aber ich denke immer an den folgenden Spruch: „You may look, but don’t touch!“ Ich bin nicht zum persönlichen Vergnügen hier und den jungen Leuten gönne ich ihren Spass. Meine Familienplanung ist abgeschlossen.